Partner

gebr_frank.jpg
verlag_dr_frank_gmbh.jpg
onicom.de.jpg
gera.jpg
RPG_Logo_1.jpg


Hinweise

acrobat_reader.jpg

Button_E_paper.png

Schlagzeilen der Woche

zurück

Wie lodernde Flammen allerhand Nutzen bringen

Was macht der Geraer an einem regnerisch-kühlen Sonntag? Vielleicht zwischen zwei Schauern etwas Gartenarbeit? Oder einen kurzen Spaziergang rund ums Haus? Denkbar auch, dass er nur etwas liest oder fernsieht, also mehr oder minder faulenzt. Aber sich aufraffen für eine 70-Kilometer-Fahrt, um einen Betrieb zu besichtigen - das wird er wohl kaum tun?
Doch, das tut er. Naja, konkret waren es nur zweimal 31 Leutchen, genauer gesagt: zwei Busse des Geraer Verkehrsbetriebes, die sich auf den Weg nach Zorbau ins Anhaltinische machten. Wieviele Herrschaften und Damschaften außer den 62 mit dem eigenen PKW anreisten, ist nicht bekannt. Reiseziel der Unentwegten war die Stätte, wo Geras Müll auf wundersame Weise dem Feuer übergeben und wiedergeboren wird als elektrischer Strom und Fernwärme.
Die AV Zorbau hatte zu einem "Tag der offenen Tür" eingeladen. Die genaue Bezeichnung ist ein Wortungetüm: "AV Zorbau Thermische Restabfallbehandlungs- und Energieverwertungsanlage". Diese gehört zur SITA Abfallverwertung GmbH. Die Stadtwerke Gera haben sich hier mit 25,1 Prozent eingekauft und profitieren damit vom Geschäft mit der Müllverbrennung, die bekanntlich ebensoviel Freunde wie Feinde hat. Doch die Zahl solcher Anlagen nimmt bundesweit zu.
Für unser Häuflein Neugieriger ist nach rund 70 km Autobahnfahrt das Ziel in Sicht. Mitten in der flachen Landschaft hinter Weißenfels erspähen wir einen wuchtigen Betonklotz. An der Seitenfront lesen wir in riesigen Buchstaben "SITA SUEZ" und "Stadtwerke Gera".
Der Koloss ging im Juni vorigen Jahres in Betrieb. Er hat stattliche 120 Millionen Euro gekostet, eine Summe, die nach Meinung der Betreiber sich aber in absehbarer Zeit amortisiert. Die Anlage mit ihren 46 Mitarbeitern verarbeitet jährlich etwa 300.000 Tonnen vorbehandelten Abfall. Zorbau bewältigt die Müllentsorgung für rund 1,4 Millionen Einwohner und Gewerbetreibende, darunter auch für unsere 105.000 Geraer. Das Einzugsgebiet umfaßt im wesentlichen das Dreieck Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen.
Als unsere Gruppe Wissendurstiger auf dem Werksgelände eintrifft, ist so etwas wie ein Volksfest im Gange. Auf einer Bühne wird Unterhaltung mit Musik, Tanz, Comedy und Feuer-Show geboten. Und was unsere Geraer Abordnung besonders freut: Es gibt reichhaltige gastronomische Betreuung. Wie wir später vom Einlaßdienst erfahren, seien an diesem Tag über 2000 Besucher gezählt worden.
Ein Mikrofonbewaffneter fordert uns auf, entlang eines Parcours die Stationen der riesigen Anlage auf eigene Faust zu erkunden. Hinweisschilder "Rundgang" zeigen den Weg. An jeder Station steht Fachpersonal zur Auskunft bereit. Alle Viertelstündchen erfolgt zudem eine Führung ins Herz der Anlage: die computerbestückte und -gesteuerte Leitwarte. Wie sich bald herausstellt, ist unser Geraer Reiseteam besonders neugierig und überhäuft die behelmten Mitarbeiter mit vielen Fragen.
Entgegen der technologischen Linie beginnt der Rundgang an einer Art Vorratslager. Wie Alexander Krzial erläutert, türmen sich hier große grüne mit Plastefolie umwickelte Ballen, jeder etwa 1,5 Tonnen schwer. Diese zwischenzeitliche Ballierung deshalb, weil öfters mehr Müll angeliefert wird, als gerade verarbeitet werden kann. Da der Erklärer nicht weiß, wie viele Ballen derzeit hier lagern, lassen wir ihn zählen. Es sind 2400. Aber was er weiß: Täglich werden mehr als 1200 Tonnen Müll angeliefert. Das sind etwa 80 LKW-Ladungen an zehn Abkippstellen. Hinein geht’s in den Müllbunker, der ein Lagervolumen von 15.000 Kubikmeter hat. Ein Kran be-schickt dann von da aus die Kessel.
Halsbrecherisch geht’s treppauf in die Turbinenhalle, wo Klaus Reuter uns wissen läßt, wie bei der Müllverbrennung die Wärme zur Dampferzeugung genutzt und von einer Turbine in elektrischen Strom verwandelt wird. Das ist das große Plus solcher Anlagen nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Zorbau produziert etwa 25 bis 27 Megawatt elektrische Energie, wovon rund 20 MW ins öffentliche Netz gehen können. Strom auf diese Weise produzieren und verkaufen zu können, bringt auch dem Anteilseigner Stadtwerke Gera kaufmännische Vorteile, so bei der Leipziger Strombörse.
An den zwei Verbrennungslinien öffnet Manuel Maudrich die Klappe, um uns einen Blick in die lodernden Flammen im Kessel zu ermöglichen. Bei bis zu 1100 Grad verbrennen stündlich etwa 20 Tonnen vorgetrockneter Müll an jeder Linie.
In der Leitwarte, dem Heiligtum der Anlage, wollen die Touristen aus Gera von Jürgen Schmidt wissen, wieviel Tonnen des täglich verfeuerten Mülls denn nun aus Gera kommen. Er, wie auch andere Erklärer, wissen es leider nicht. Aber auf die Frage zur Luftverschmutzung verkündet er im Brustton der Überzeugung: Die Abgase (z. B. schwefel- und stick-oxidhaltig) werden über Rückstromwirbler gereinigt. Nun seien sie so sauber wie die Zorbauer Luft. Gut das zu wissen, denn das haben die Gegner solcher Verbrennungsanlagen immer wieder bezweifelt.
Unter den Geraer Besichtigern ist ein ehemaliger Wismuter. Der sorgt für Diskussionsstoff, als er behauptet, Anfang der 90-er Jahre hätte angeblich Ronneburg eine solche Anlage bekommen sollen. Später sei dann Gera im Gespräch gewesen.
Nun ja, die gut funktionierende Anlage steht seit einem Jahr in Zorbau. Und was man auch gegen sie vorbringen mag: Sie ist für uns alle von Nutzen.

( Harald Baumann, 26.05.2006 )

zurück