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Eine "perfekte" Umbenennungsstrategie

Die "Agnesstraße" wurde nach Pauline Luise Agnes, Herzogin zu Württemberg (geb. 13. Oktober 1835 in Karlsruhe/Schlesien, gest. 16. Juli 1886 in Gera), der Gemahlin des Fürsten Heinrich XIV. Reuß j.L. benannt. Das Agneskreuz auf dem Weinberg oberhalb der Hohle erinnert noch heute an sie.
1929 wurde in der Gagarinstraße 19 die Privatklinik Schäfer nach Plänen des Architekten Thilo Schoder errichtet. Die Beherrschung knappster Ausdrucksmittel ist das besondere Kennzeichen seiner Arbeiten.
1946 wurde die Straße zu Ehren von Mathilde Wurm (geb. 30. September 1874 in Frankfurt/M., gest. 1. April 1935 in London) in "Mathilde-Wurm-Straße" umbenannt.
Mathilde Wurm war eine konsequente Kämpferin für Frauenrechte und das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit. Nach dem Besuch der Höheren Mädchenschule in Frankfurt/M. arbeitete sie zunächst als Sozialarbeiterin in der sozialen Fürsorge in Berlin.
1913 erschien ihre Streitschrift "Die Frauen und der Preußische Landtag" in der Sozialdemokratischen Frauenbibliothek. Sie war Mitglied der SPD und wechselte 1917 zur USPD über, weil sie die Kriegspolitik der SPD-Führung nicht mehr mittragen wollte.
Sie war auch mit Rosa Luxemburg befreundet und tauschte sich auf Wanderungen mit ihr aus. Zwischen 1917 und 1921 war sie Bürgerdeputierte bzw. Stadtverordnete in Berlin. Ab 1920 war sie Mitglied des Deutschen Reichstages. 1920 starb ihr Ehemann Emanuel Wurm (1857 - 1920), der von 1890 bis 1906 und 1912 bis 1918 Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis Reuß j.L. gewesen war.
1922 wechselte Mathilde Wurm wieder zur SPD zurück und wurde Redakteurin der SPD-Frauenzeitschrift "Die Gleichheit" und übernahm im März 1924 auf der ersten Reichskonferenz des Reichskomitees der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) deren Vorsitz. 1928 wurde sie Herausgeberin der Sozialdemokratischen Pressekorrespondenz und Mitarbeiterin der Zeitschrift "Der Klassenkampf - Marxistische Blätter". 1933 emigrierte sie nach England und starb dort 1935 unter ungeklärten Umständen.
Nach dem ersten bemannten Raumflug Juri A. Gagarins mit Wostok I am 12. April 1961 unterbreitete der Oberbürgermeister Weber auf einer außerordentlichen Sitzung des Rates der Stadt Gera am Sonnabend, 15. April 1961, "den Mitgliedern des Rates, dass aus Anlaß der wissenschaftlichen Großtat der Sowjetunion, dem Flug des Majors A. J. Gagarin mit dem Raumschiffsputnik ‚Wostok’ in den Weltraum, im Neubaugebiet Bieblach der Wismut, Mathilde-Wurm-Straße, eine Reihe von Hausversammlungen stattgefunden haben. An den Rat der Stadt wurde der Vorschlag und die Bitte herangetragen, aus Anlaß dieses großen welthistorischen Ereignisses die Mathilde-Wurm-Straße in ‚Juri-Alexejewitsch-Gagarin-Straße’ umzubenennen."
Den Einwand der Stadträtin Rosemarie Tittert, zu bedenken, dass Mathilde Wurm eine Antifaschistin war, wischte Oberbürgermeister Weber mit dem Hinweis beiseite, dass Mathilde Wurm "Funktionärin der SPD war und auf dem rechten Flügel dieser Partei stand" und dass das Büro der Kreisleitung der SED dem Vorschlag der Straßenumbenennung ebenfalls zustimme. Nach diesen schlagkräftigen Argumenten folgte verständlicherweise keine weitere Diskussion und der Rat der Stadt gab der Umbenennung der Mathilde-Wurm-Straße in "Juri-Alexejewitsch-Gagarin-Straße" seine Zustimmung.
Er legte fest, dieselbe am Sonntag, 16. April 1961, 10 Uhr, also bereits am vierten Tag nach Gagarins legendärem Flug, vor dem Ladenkombinat in der Mathilde-Wurm-Straße Nr. 99 - 101 durchzuführen.
Wie perfekt die SED-Kreisleitung diese "spontane" Umbenennungsaktion organisiert hatte, geht aus den dem Ratssitzungsprotokoll beigehefteten 13 Anträgen von zwölf Hausgemeinschaften in der Mathilde-Wurm-Straße 70 bis 111 und Trebnitzer Straße 8 mit 135 Unterschriften vom 14. April 1961 sowie einem Flugblatt der "AGIT-PROP-KOMM. DES BÜROS DER KREISL. WISMUT GERA" hervor, in dem die Hausgemeinschaften aufgefordert werden, zu dem Großmeeting anlässlich der Straßenumbenennung am 16.4.’61, 10.00 Uhr, geschlossen zu erscheinen.
Am 17. April 1961 berichtete die Tageszeitung "Volkswacht" über die Umbenennungszeremonie und teilte mit, daß der Genosse Willi Weber bekannt gegeben habe, daß der Rat der Stadt, entsprechend den Vorschlägen aus der Bevölkerung beschlossen hat, zu Ehren des 75. Geburtstages Ernst Thälmanns die Mathilde-Wurm-Straße in Juri-Alexejewitsch-Gagarin-Straße umzubenennen."
Ob sich die Ratsmitglieder bei der Lektüre dieses Berichtes gewundert haben? Weder in den Vorschlägen der Bevölkerung noch in der Ratssitzung war der Name Ernst Thälmanns gefallen. Es war reiner Zufall, daß die Umbenennung an dessen 75. Geburtstag stattfand. Wahrscheinlich versprach man sich von der nachträglichen Verbindung des ersten bemannten Weltraumfluges mit dem 75. Geburtstag des deutschen Kommunisten eine noch größere propagandistische Wirkung, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte.
Am 18. Oktober 1963 besuchte J. A. Gagarin Gera und wurde auf dem Biermannplatz von 70.000 Geraern begrüßt.
1991 wurde die Straße aus Vereinfachungsgründen in "Gagarinstraße" umbenannt.


( Siegfried Mues, 10.06.2005 )

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