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"STASI RAUS!!! Massendemo und Stasi-Sturm"

Die Ausstellung "STASI RAUS!!! Massendemo und Stasi-Sturm in Thüringen "wurde 2004 in der Behörde der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen - unter Mitarbeit von Akteuren aus den verschiedenen Orten - erarbeitet und im November 2004 erstmals in Gotha gezeigt, ab Donnerstag dieser Woche ist sie im Foyer des Rathaussaales zu sehen.
Zum Thema: In den Wochen nach der Maueröffnung erscholl auf den Thüringer Großdemonstrationen nicht nur immer häufiger und lauter der Ruf "Wir sind ein Volk", sondern auch der Ruf "Stasi raus, Stasi raus!"
Immer drängender machten in jenen Tagen auch Nachrichten über Stasi-Aktenvernichtungen die Runde - sie symbolisierten vor allem die noch immer unbeschränkte, unkontrollierte Handlungsfreiheit der verhassten Stasi-Stellen, von denen ja im Oktober noch diverse Verhaftungen von Demonstranten ausgegangen waren.
Beides führte nicht nur dazu, dass in Erfurt am Morgen des 4. Dezember aus der kleinen Gruppe von engagierten "Frauen für Veränderung" bald eine große Menschenmenge wurde, die dann alle Stasi-Türen besetzte und die Gegenseite auch mit ihrer hartnäckigen Forderung nach Einlass und Kontrolle unter Druck setzen konnte. Es führte auch dazu, dass in den Folgestunden und Folgetagen engagierte Bürger mehrerer Thüringer Kreisstädte vor die Türen "ihrer" Kreisdienststellen marschierten.
So fand sich noch am selben Abend eine Menschenmenge in der Gothaer Friedrich-Engels-Straße zusammen. Dem sich steigernden Zorn standen auf der anderen Seite der Fensterscheibe die bis an die Zähne bewaffneten, zähneklappernden Stasi-Offiziere gegenüber. Eine Lösung für diese Konfliktsituation fanden Bürgerrechtler, die einen jungen Staatsanwalt herbeiriefen, ins Haus gingen und einen schnellen Abtransport der Waffenkisten und Aktenreste nach Erfurt veranlassten.
In Mühlhausen lief es ein wenig anders. Hier ging der örtliche Stasi-Chef in die Offensive, indem er am 5. Dezember örtliche Bürgervertreter zum Gespräch einlud und am 7. Dezember (als in der Stasi-Zentrale das endgültige Aus der Kreisdienststellen feststand) beim letzten Abtransport zu Hilfe holte.
In Nordhausen verschaffte sich am 4. Dezem3ber eine kleine Gruppe von Bürgerrechtlern zu später Stunde Zutritt und zerrte die schon brennenden Akten aus dem Kellerofen.
Dass Suhler Bürger ebenfalls schon am 4. Dezember ins Gelände der Bezirksverwaltung Suhl eindrangen, ist ein so herausragendes Thüringer Wendeereignis, dass es hinter dem Erfurter Stasi-Sturm nicht zurückstehen darf. Anders als in den anderen Städten Thüringens kam es hier sogar zum Einsatz von Gewaltmitteln: mit Tränengas sollten nämlich die Bürger von "der Burg" vertrieben werden.
In Suhl forderte ein kleine Bürgergruppe energischen Einlass und als der Stasi-Bezirks-Chef diesen nicht gewährte, gingen die abgewiesenen Bürgerrechtler in die Öffentlichkeit - nämlich in die gleichzeitig stattfindende 2Volksversammlung" in der Stadthalle und verschafften sich hier Gehör. Es waren ungefähr 3000 Suhler, die innerhalb von Minuten aufstanden und zur "Burg" - wie die Stasi-Zentrale im Volksmund hieß - marschierten. Mit dieser Unterstützung errangen die Bürgerrechtler Einlass und Raumversiegelungen und organisierten schnellstens eine Bürgerwache.
Am 5. Dezember führte die Weimarer Freitagsdemo vor die Stasi-Stelle in der Cranachstraße. Pfarrer Kranz hatte dort am Vorabend schon einen "Besuch" angekündigt. Auch hier war der Ärger groß, als die Delegation nur auf leere Schränke, Schnipselsäcke und Ausreden stieß.
Ein Teil dieser örtlich vielgestaltigen Geschehnisse findet sich auf den Tafeln der TLStU-Ausstellung wieder. Örtliche Akteure haben am Zustandekommen der einzelnen Tafeln für Erfurt, Gotha, Nordhausen, Mühlhausen, Weimar oder Gera mitgewirkt. Die Massendemonstrationen - die ja das lokale Geschehen in den 1989er Herbstmonaten ebenso fundamental prägten wie die Stasi-Stürme sind auf den ortsbezogenen Ausstellungstafeln ebenfalls zu sehen.
Es werden auch zwei Tafeln über Gera gezeigt. Am 4. und 6. Januar sorgten Geraer Bürger sorgen für die Besetzung und Kontrolle der Bezirks-Staatssicherheit.
Im Friedensgebet vor der Donnerstagsdemo informierte Pfarrer Urbig, dass die Geraer Bezirks-Stasi noch immer bewaffnet ist. Im Verlauf der Demo sammelte sich eine aufgebrachte Menge vor einem der Stasi-Tore, um Einlass zu fordern.
Damit sich die Lage aber zunächst nicht weiter zuspitzen konnte, stellte sich Pfarrer Geipel dazwischen.
Durch hartnäckiges Verharren erreichte die Menge den Zutritt einer Gruppe, die sich Zugang zu den Waffenkammern verschaffen und deren Inhalt registrieren. Es wurde geplant, den Waffenabtransport in die Wege zu leiten.
Am 6. Januar übernahm das seit dem 20. Dezember bestehende Bürgerkomitee Gera übernahm die Kontrolle des Waffenabtransports und teilte dem Stasi-Chef Seidel ihre Besetzung mit. Die Bürgerrechtler richteten ein ständiges Büro im Gelände ein, machten eine Bestandsaufnahme, traten in Kontakt mit anderen Bürgerkomitees und prüften den Aktenbestand und Grad der Aktenvernichtung. Das Betreten des Dienstobjekts wurde für Stasi-Personal mit sofortiger Wirkung untersagt.
Ein zweiter Teil der Ausstellung zeigt das hartnäckige Ringen um die Stasi-Bezirkszentralen in Erfurt, Suhl und Gera und die Widerstände des dortigen Stasi-Personals gegen die Bürgerwachen, die auch nach der Besetzung fortgeführt wurden. Versuche zur weiteren Aktenvernichtung und Irreführung, die geheime Verlagerung der Stasi-Führungsstrukturen werden ebenso gezeigt wie ihre Bemühungen um eine Verfassungsschutz-Neugründung und um neue Arbeitsplätze.
Die Geraer Ereignisse werden in diesem Ausstellungsteil also auch aus der Innenperspektive der Staatssicherheit beleuchtet. Die teilweise erstmals ausgestellten Dokumente aus der Geraer Bezirksstelle reichen vom November bis in den Januar. Das bekannteste Dezember-Dokument ist das deutschlandweit bekannt gewordene Geraer MfS-Droh-Fernschreiben "Heute wir - morgen ihr".
Am 6. Januar vor 15 Jahren musste auch der Stasi-Chef seine Dienststelle verlassen, in dessen Verhörzimmern Matthias Domaschk zu Tode gekommen war.
Die Ausstellungseröffnung am 6. Januar, 17 Uhr, wird mitgetragen durch Pfarrer Geipel, einem der Hauptakteure der Friedensgebete, Donnerstagsdemos und der Stasi-Besetzung, sowie vom Verein Amthordurchgang e.V., für den Frank Karbstein sprechen wird, und die Geraer BStU-Außenstelle, die von Andreas Bley geleitet wird, welcher ebenfalls bei Bürgerkomitee und Stasi-Besetzung mitgewirkt hatte.
Die Ausstellung, die Fakten, Bilder, Faksimiles und Kurzberichte bietet, ist auch für Schülergruppen sehr geeignet.

( Dr. Adrea Hertz, 07.01.2005 )

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