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Vietnamesisch ist eine äußerst schwere Sprache

Sanft dreht sich das Flügelrad der Pyramide, angetrieben von den flackernden Kerzen. Der Tisch ist weihnachtlich gedeckt mit Adventskranz, kleinen Engelchen, selbstgebackener Stollen und Plätzchen, dazu dampfender und aromatischer Kaffee vollenden die Nachmittagstafel im hübschen Einfamilienhaus in Gera-Roschütz. Andreas Jörk lehnt sich zurück und genießt diesen Augenblick der Ruhe und Besinnung mit seiner Frau Linette und Sohn Alexander. Wenige Tage zuvor war er noch von Palmen, Bananenstauden und anderen exotischen Gewächsen bei eher frühsommerlichen Temperaturen von 18 Grad als winterlicher Kälte und Schneeschauern umgeben.
Andreas Jörk flog rund 9000 Kilometer von Hanoi in Vietnam nach Deutschland, um nach sieben Monaten ein Wiedersehen und auch das Weihnachtsfest mit seiner Familie zu feiern. Die Zeit zu Hause ist kurz, denn nach Neujahr geht es wieder zurück. Doch zuvor wollen ihn Verwandte, Bekannte, Freunde und Arbeitskollegen treffen, um ihn nach Eindrücken und Erlebnissen in dem fernen Land auszufragen. Er muss viel erzählen in diesen Tagen und Bilder zeigen. Jeder möchte wissen, wie kommt der Geraer nach Vietnam und womit beschäftigt er sich dort. Das interessiert natürlich auch uns Journalisten, und deswegen sitzen wir auch an der Adventstafel, kosten den Stollen, schauen den sich langsam drehenden Engeln zu und lassen uns in eine andere Welt entführen ohne "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh, Tannenbaum", dafür aber in eine Welt, in der die Menschen mit vielen Ritualen ihrem Glauben und ihren Traditionen nachgehen.
Für zwei Jahre verlegt Andreas Jörk seinen Wohnsitz nach Sông Công in der Provinz Thai Nguy?n. Dort in der 10 000 Einwohner zählenden Stadt bewohnt er ein kleines Häuschen mit zwei Katzen und einem wunderschön stilvoll angelegten Garten. "Für mich als Europäer ist dies ein botanischer Garten", beschreibt er die Einrichtung. Sein Tagwerk verrichtet er in einer Schule, deren Größe in Deutschland zu suchen ist, dabei ist sie auf Anregung Deutscher und mit Solidaritätsgeldern der DDR 1973 errichtet worden, die Vietnamesisch-Deutsche Industriefachschule (VDIF). Damals startete die Bildungseinrichtung mit 300 Lehrlingen, die in neun Berufen zu Facharbeitern ausgebildet wurden, und 50 Beschäftigten. Heute werden hier 5200 junge Menschen in 21 Berufen zum Facharbeiter oder Techniker ausgebildet oder können eine Oberschulausbildung absolvieren. Ihnen stehen 250 Lehrkräfte zur Verfügung. "So viele Schüler, das geht nur mit Schichtunterricht," muss Andreas Jörk das Schulprogramm bestätigen. Aber als Lehrer oder Ausbilder ist er gar nicht tätig, sondern der Geraer, der eine leitende Position in der Handwerkskammer Ostthüringen inne hatte, nennt sich "integrierter Fachberater". "Meine Hautaufgabe an dieser Fachschule ist, die Schulleitung zum Aufbau eines Finanzmanagementsystems zu beraten. Die zweite Aufgabe ist eine Untersuchung an 50 vietnamesischen Berufsschulen zum Schwerpunkt technische Ausstattung", erläutert er seine Tätigkeit. Und das alles im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH. Diese wiederum ist im Auftrag der Bundesregierung tätig. Dabei geht es nicht darum, technisches Wissen einfach zu transferieren, sondern vielmehr die Kenntnisse zu vermitteln, mit denen Menschen ihre Gegenwart und Zukunft aus eigener Kraft gestalten können. Für die GTZ, die ständig auf der Suche nach geeigneten deutschen Fachkräften ist, war Andreas Jörk der richtige Mann. Geschätzt wurden nicht nur seine Menschenführung und Fachwissen, sondern auch Bescheidenheit und sein Einfühlungsvermögen. Das schätzen auch die höflichen und eher zurückhaltenden immer das Gesicht wahren wollenden Asiaten. An der Schule gibt es noch weitere deutsche Kollegen, dazu vietnamesische, die in Deutschland studiert haben. "Sie helfen mir bei der Verständigung, denn vietnamesisch ist ungeheuer schwer", gibt er zu. Zum Überleben reiche es, nicht zum Unterhalten. Trotzdem er übt ständig weiter, so wie er auch das Essen mit Stäbchen geübt hat. "Das muss man einfach können", lächelt er, geübt habe er mit Erdnüssen. Und jetzt komme er damit gut zurecht. Das Essen sei leicht und bekömmlich, immer mit frischen Gemüse und natürlich Reis, Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch oder Fisch mit verschiedenen Soßen. Was er allerdings in Deutschland zu allererst essen wollte: ein richtiges Brot mit Sauerteig. Ein bescheidener Wunsch, den seine Frau mit einem kräftigen Brot vom Lieblingsbäcker erfüllen konnte.
An den Temperaturwandel hat sich Andreas Jörk gut angepasst. Im Sommer herrschen dort über 40 Grad im Schatten. Jetzt ist Winter, wie bei uns. Die Temperaturen fallen auf 10 Grad Plus zurück. Wie das die Menschen aushalten wisse er noch nicht, denn einen Ofen oder Heizung habe er nicht entdeckt. Vorsichtshalber befindet sich ein kleiner Elektroofen in seinem Gepäck, denn das Häuschen, das er bewohnt, ist sehr luftig gebaut, wie alle Häuser in der Gegend, ohne Glasscheiben, nur mit Fensterläden. Was er nicht einpacken kann, ist eine Waschmaschine, obwohl er die auch dringend gebrauchen könnte. "In der fast ländlichen Gegend gibt es keine Waschmaschinen, die Frauen waschen alles mit der Hand", erzählt er. So auch er, aber nun wolle er sich doch in Hanoi, das etwa 60 Kilometer von Sông Công entfernt liegt, ein Gerät kaufen.
Die Freizeit verbringt er außer sein Haus putzen und mit den Katzen spielen, die das Anwesen von Mäusen freihalten, mit Federballspielen und Fahrradfahren. "Leider wird es hier auch im Sommer ganz schnell dunkel", bedauert er, so dass er in der Woche nach Feierabend nicht mehr die Umgebung mit dem Fahrrad erkunden kann. Schon gegen 17.30 Uhr sei es dunkel. Selbst mit einem Auto würde er da nicht unterwegs sein wollen, denn viele würden ohne Licht fahren und mit den Verkehrsregeln nehme man es nicht so genau. Aber Ausflüge habe er mit dem Schulkolleg und ihren Familien unternommen, zum Beispiel in die bizarre Welt der Halong-Bucht mit ihren 2000 Inseln, von der die Vietnamesen sagen der Ha Long, "herabsteigender Drache", soll von den Göttern geschickt worden sein, um die Menschen gegen die Feinde aus dem Norden zu verteidigen. Sie hätten sich im Gewirr der Inseln verfangen, als der Drache mit seinem mächtigen Schwanz tiefe Kerben, schroffe Felsen und zahlreiche Grotten schlug. Mythen und Sagen hat jedes Volk.
Viel gebe es noch zu erzählen. Aber die Kerzen sind heruntergebrannt. Draußen leuchten im Vorgarten die Lichter am Tannenbaum auf. Andreas Jörk gehört nun seiner Familie. Nach Weihnachten und Heiligaben in der kleinen anmutigen Tinzer Kirche, um deren Erhalt er sich so liebevoll gekümmert hat, und nach Neujahr geht es wieder 9000 Kilometer zurück. Dann erlebt er die nächste Jahreswendfeier, denn in Vietnam beginnt das Jahr nach dem Mondkalender mit dem Mondwechsel, das ist 2005 im Februar. Dann wird das Tet-Fest gefeiert. Er wird mit den Menschen dort, die ihn sehr achtungsvoll und zuvorkommend, aufgenommen haben, zum zweiten Mal das neue Jahr begrüßen.

( Helga Schubert, 24.12.2004 )

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